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Mittwoch, 28. Juli 2010

Welche Auswirkungen hatten die wirtschaftspolitischen Interventionen in den USA? Über die tatsächlichen Kosten des Moral Hazard

Eine neue Studie über die Auswirkungen der wirtschaftspolitischen Interventionsmaßnahmen während der Finanz- und Wirtschaftskrise sorgt in den USA für Diskussionsstoff. Die Autoren liefern der Obama-Administration eine argumentative Grundlage zur Rechtfertigung der Kriseninterventionen:


In a new paper, the economists argue that without the Wall Street bailout, the bank stress tests, the emergency lending and asset purchases by the Federal Reserve, and the Obama administration’s fiscal stimulus program, the nation’s gross domestic product would be about 6.5 percent lower this year.

In addition, there would be about 8.5 million fewer jobs, on top of the more than 8 million already lost; and the economy would be experiencing deflation, instead of low inflation.


Die Kombination aus dem Konjunkturprogramm und den Maßnahmen zur Stabilisierung der Finanzmärkte habe die volkswirtschaftliche Kontraktion deutlich abgemildert. Die budgetären Kosten werden auf 2,35 Billionen Dollar geschätzt:

Mr. Blinder and Mr. Zandi emphasize the sheer size of the fallout from the financial crisis. They estimate the total direct cost of the recession at $1.6 trillion, and the total budgetary cost, after adding in nearly $750 billion in lost revenue from the weaker economy, at $2.35 trillion, or about 16 percent of G.D.P.


Dass die expansive Fiskalpolitik ebenso wie die Bankenrettungspakete dazu beitrugen, die unmittelbare Krisenlage zu beruhigen, ändert natürlich nichts an der Frage, ob es nicht bessere Maßnahmen bzw. die Möglichkeit einer besseren Gestaltung der Maßnahmen gegeben hätte, um der aktuellen Krise entgegenzusteuern und gleichzeitig einer zukünftigen vorzubeugen.

Die Behauptung, dass die Kosten der Untätigkeit größer gewesen wären als die Kosten, die aus der wiederholten, nicht an Bedingungen geknüpften Gewährung von Steuergeld-Milliarden an angeschlagene Finanzinstitutionen, ist jedoch nur dann richtig, wenn man den daraus entstandenen Moral Hazard verschweigt: Die betroffenen Banken und Versicherer haben in der Krise die Erfahrung gemacht, dass der Staat ihnen im Ernstfall aus der Klemme helfen wird, ohne dass dies für die verantwortlichen Personen personelle oder zumindest finanzielle Konsequenzen hätte. Banken wie Goldman Sachs werden weiterhin von den selben Personen geführt, verzeichnen bereits wieder Rekordgewinne und schütten Boni in Vorkrisendimensionen aus.

Machen wir uns nichts vor: Die bedingungslosen Bailouts mögen das Finanzsystem kurzfristig vor dem Kollaps bewahrt haben. Jene, die durch verfehltes Risikomanagement in großem Stil zur Entstehung der Probleme beitrugen, sind jedoch weiterhin am Werk; schlimmer noch: Sie wurden durch die großzügigen Zuwendungen seitens des Staates in ihren rücksichtslosen Geschäftspraktiken bestärkt.

Die Kosten, die aus der Bestärkung exzessiver Risikobereitschaft und der Fortführung destabilisierend wirkender betriebswirtschaftlicher Entscheidungen (z.B. die Ausschüttung von Gewinnen, die zur Stärkung der Kapitalbasis zwecks Krisenprävention zumindest teilweise thesauriert werden sollten) voraussichtlich noch erwachsen werden, sind in die oben erwähnte Studie über die Auswirkungen der wirtschaftspolitischen Kriseninterventionen natürlich nicht eingegangen.

Freitag, 16. September 2011

Die Angst vor einer Kreditklemme

Die Angst vor einer neuen Kreditklemme geht um. Wie soll eine solche verhindert werden?

Amerikanische Banken helfen europäischen Banken:

US banks have become the unlikely saviours of their ailing European counterparts, signing private agreements to lend them billions of dollars in recent weeks after an exodus of nervous money market funds left many without ready access to short-term funding.

Agreements worth tens of billions of dollars have been signed in the last month alone, according to bankers directly involved, who added that senior management of firms on both sides of the transactions have been closely involved with hammering out deals.

French lenders are among those using such facilities, say bankers, although deals have also been struck with UK and other European firms. Loans have been made as repo agreements, with banks posting assets such as corporate loans and mortgage portfolios as collateral.

“We were able to use some of our assets to get long-term repos,” said one board member at a French bank. “It was a move we made to monetise some of the assets we had on the balance sheet which were good, quality assets, and also to mitigate the withdrawal of money market funds.”

Such deals, struck behind closed doors, show how European banks have been forced to look elsewhere for funding in recent weeks following the partial closure of many traditional sources such as US dollar money markets and unsecured bonds.

Und die Notenbanken versuchen, weitere Liquidität zur Verfügung zu stellen:

The European Central Bank said it will lend euro-area banks dollars in three separate three-month loans to ensure they have enough of the U.S. currency through the end of the year. The European Central Bank said it will lend dollars to euro-area banks in a series of three-month loans as the region’s debt crisis limits market access to the U.S. currency.

The Frankfurt-based ECB said it will coordinate with the Federal Reserve and other central banks to conduct three separate dollar liquidity operations to ensure banks have enough of the currency through the end of the year.

Mehr als ein bisschen Zeitgewinn ist dadurch aber noch nicht erreicht.

Barry Ritholtz äußerte sich so über die jüngsten Notenbankaktionen:

Today is September 15 — three years ago, Lehman Brothers was allowed to do what insolvent companies are supposed to do — fail.

Hence, it is only fitting that five (Intergalactic) Central Banks arranged a massive liquidity operation to banks. There will be “three dollar-liquidity providing tenders before the end of the year in a coordinated move to offset shortages of dollars at European banks and businesses.”

Although this could be looked at as awful news — more economies and banks in such dire straights as to need yet another central bank bailout, moral hazard notwithstanding — the kneejerk response was relief. Dax is up 4%, US futures flipped positive, Dow now up 100.

Auch so kann ein Jahrestag begangen werden.

Mittwoch, 25. August 2010

Wozu sollten die großen Banken eigentlich ihr risikoreiches Verhalten ändern?

BWL-Professor Rüdiger von Nitzsch befindet in einem Interview:

Es gibt einen breiten Vertrauensverlust in das Finanzsystem. Nach einer Studie glauben nur 25 Prozent der Anleger, dass die Finanzindustrie aus der Krise gelernt hat. Woher kommt das?

Rüdiger von Nitzsch: Was soll die Finanzindustrie nach Lehman denn gelernt haben? Dass große Banken nicht fallen gelassen, sondern so weit gestützt werden, dass das System nicht zusammenbricht. Oder hat man gelernt, dass es unterschiedliche Interessen der Industriestaaten unmöglich machen, durchgreifende Änderungen in der Finanzindustrie durchzusetzen? Warum sollten also Banken ihr Verhalten ändern? Daran haben sie überhaupt kein Interesse.


Der Rest des Interviews ist ebenfalls lesenswert.

Siehe auch: Welche Auswirkungen hatten die wirtschaftspolitischen Interventionen in den USA? Über die tatsächlichen Kosten des Moral Hazard