Dienstag, 31. August 2010

Irlands und Griechenlands Bonds

Die Zins-Spreads gehen wieder auseinander: Der Zinssatz von griechischen und irischen Staatsanleihen (10-jährig) stieg in den letzten Wochen im Vergleich zu deutschen Bundesstaatsanleihen neuerlich an. Dass die Sparprogramme, welche die beiden Problemländer bereits umgesetzt haben, die Anleihenmärkte nicht zu überzeugen scheinen, ist keine gute Nachricht.

via Calculated Risk

Sonntag, 29. August 2010

Wie sollen Derivate reguliert werden? Über den Lobbyismus der Großbanken

Die großen Banken an der Wallstreet tun weiterhin ihr Möglichstes, um einschneidende Regulierungsmaßnahmen zu verhindern; sie bevorzugen den Status quo, weil dieser großes Gewinnpotential eröffnet. Die zuständigen Regulierungsinstitutionen sind in den USA gerade damit beschäftigt, die Spielregeln des Handels mit Derivaten neu zu organisieren. Es geht in erster Linie darum, auf den Derivatmärkten mehr Transparenz zu erzwingen. Damit soll verhindert werden, dass einige wenige Finanzinstitutionen den Markt nach Belieben dominieren können, indem sie wesentliche Informationen über Ausmaß und Details der Derivat-Deals einfach nicht preisgeben, obwohl diese ein massives Risiko für den gesamten Bankensektor darstellen können.

Die Großbanken wehren sich, denn das Fixed Income, Currencies and Commodities Trading (FICC) ist äußerst lukrativ. Wie lukrativ, das zeigen die hohen Gewinne, die von Instituten wie Goldman Sachs bereits wieder eingefahren werden, und welche ganz wesentlich auf einbringliche Transaktionen im FICC-Geschäftsbereich zurückgehen. Gretchen Morgensen schreibt in der NYT:

Because the most potentially nuclear forms of derivatives are privately arranged and loosely monitored, two clear goals of the legislation are greater price transparency and the opening of transactions to more market participants.

But not everyone wants these aims to be met. And early signs indicate that the big firms currently in control of the derivatives market view the rules-writing process as an opportunity to maintain the status quo in one of their most lucrative lines of business — or win back what they feel they lost amid the legislative wrangling earlier this year.

The question is this: Will regulators give Wall Street’s big dealers what they want in a second bite of the apple?

[...]

Changing the way this market operates is also crucial because major firms like JPMorgan Chase, Goldman Sachs and Morgan Stanley currently run it. These companies don’t want to open trading facilities to more participants because they prefer that their customers have limited access to bids and offers; such black-box arrangements generate far more profits to dealers than open and transparent markets.

Samstag, 28. August 2010

Bernanke spricht. Wie reagiert die Fed auf die trüben wirtschaftlichen Aussichten?

In der NYT wird berichtet:

The Federal Reserve chairman, Ben S. Bernanke, signaled once again on Friday that the central bank was prepared to act if the economy continued to weaken, as yet another economic report confirmed that the recovery had slowed to a crawl. [...]

While Mr. Bernanke announced no new steps that the Fed would take
immediately, he said the central bank was determined to prevent the economy from
slipping into a cycle of falling wages and prices, a situation he said he did
not think was likely. Instead he predicted that growth would continue modestly
in the second half of the year and pick up in 2011. Mr. Bernanke said the
Fed, having kept short-term interest rates at nearly zero since 2008, had
essentially four options:

It can purchase more government debt and long-term
securities. It can try to coax down long-term interest rates by announcing its
intention to keep short-term rates extremely low for even longer than the
markets currently expect. It can lower the interest rate it pays on the funds
banks hold at the Fed. And it can raise its medium-term target for inflation,
which would discourage banks from sitting on their cash.

Mr. Bernanke suggested that the first of those options was the most likely,
and all but ruled out the last two. [...]

Mr. Bernanke tried in some respects to dampen expectations that the Fed
could make significant headway against the economic sluggishness.

Dass Bernanke außerdem meinte, die Gefahr einer deflationären Entwicklung sei nicht signifikant, ist wohl am ehesten auf die gebotene Vorsicht seiner Äußerungen zurückzuführen. Denn solange die Situation an den Arbeitsmärkten sich nicht entspannt und die schlechten Nachrichten von den Häusermärkten kein Ende nehmen; solange sich die Ausgabenbereitschaft von Privaten und die Investitionsbereitschaft von Unternehmen nicht steigert; solange wird der massive Druck auf Löhne und Preise nicht abnehmen. Die Inflation lag im Juli mit 1,2% deutlich unter dem Zielwert der Federal Reserve, die der Aufrechterhaltung von Preisstabilität verpflichtet ist. Inflationsprognosen lassen darauf schließen, dass die Inflationsrate niedrig bleiben wird.

Erst vor etwas mehr als zwei Wochen wurden seitens der Fed Äußerungen laut, wonach die Gefahr einer Deflationsspirale nach japanischem Vorbild sehr ernst genommen werde. Diese Äußerungen trugen den ernüchternden Nachrichten der letzten Wochen über den Status der amerikanischen Wirtschaftserholung Rechnung. Paul Krugman ging gestern in seiner Kolumne so weit, zu erklären, dass man eigentlich gar nicht von einer wirtschaftlichen Erholung sprechen sollte:

this isn’t a recovery, in any sense that matters. And policy makers should
be doing everything they can to change that fact. [...]

The important question is whether growth is fast enough to bring down
sky-high unemployment. We need about 2.5 percent growth just to keep
unemployment from rising, and much faster growth to bring it significantly down.
Yet growth is currently running somewhere between 1 and 2 percent, with a good
chance that it will slow even further in the months ahead. Will the economy
actually enter a double dip, with G.D.P. shrinking? Who cares? If unemployment
rises for the rest of this year, which seems likely, it won’t matter whether the
G.D.P. numbers are slightly positive or slightly negative.

Freitag, 27. August 2010

In welchen Bereichen sollte der Staat in einer Krise sparen? Definitiv nicht bei wichtigen Sozialleistungen

Simon Johnson schreibt:

The distribution of income in the United States is undoubtedly becoming more
unequal. Specifically, over recent decades, it has become harder for people with
only a high-school education to build a secure middle-class future for their
families.


We can argue about proximate causes, including the
relative roles of new technology and globalization, but there is no question
that unionized jobs, well-paying assembly line work and prosperous
small-business niches have all tended to disappear.


The financial crisis may
be behind us, but the link to the likely intense debate this fall regarding
fiscal policy is direct — we are told that fiscal austerity requires outright
and immediate further cuts in the benefits previously promised to people at the
federal, state and local level.


Never mind that this is simply not true – at
least in the form currently presented (here are a primer on short-term issues and another on the longer-term
perspective
). A vocal class of people – including some at the upper
end of the income distribution – incessantly insist that “entitlements must be
cut” while refusing to address the real causes of both our recent surge in
government debt (the financial crisis, caused by perverse incentives in the
financial system) and the genuine longer-term issues we face (which are about
controlling the future increase in health-care costs – not cutting the level of
benefits today).



Republikanische Politiker in den USA, die sich hinsichtlich der amerikanischen Staatsverschuldung besonders besorgt gerieren, treten gegen die Ausweitung staatlicher Arbeitslosenunterstützung ein. In Zeiten schwachen Wirtschaftswachstums und hoher Arbeitslosigkeit zentrale staatliche Sozialleistungen wie Arbeitslosengelder oder Krankenversicherungsansprüche zu streichen, ist a) in sozialpolitischer Hinsicht mehr als zynisch, weil es das Leben der von den Streichungen betroffenen Menschen, welche nach einem Arbeitsplatzverlust oder aufgrund einer Krankheit ohnehin schwer angeschlagen sind, nochmals erheblich verschlechtert; und b) ist es schlicht katastrophale Wirtschaftspolitik, wenn man gerade dort einspart, wo staatliche Ausgaben die höchsten Multiplikatoreffekte zeitigen: Die Ausweitung von Arbeitslosenunterstützung ist in einer Wirtschaftskrise deutlich wirkungsvoller als z.B. die Gewährung von Steuererleichterungen für höhere Einkommen; denn ein Arbeitsloser wird die staatliche Hilfszahlung für Essen, Kleidung etc. ausgeben, wodurch das Geld in die Wirtschaft zurückfließt, während Steuerersparnisse oftmals angespart und eben nicht ausgegeben werden.

Nicht ausufernde Arbeitslosengelder haben die langfristigen Budgetaussichten in den USA eingetrübt. Dafür sind das ungelöste Problem ansteigender Kosten im Gesundheitsbereich und die durch die Finanzkrise zusätzlich erhöhte Schuldenlast verantwortlich. Gerade bei den wichtigsten staatlichen Sozialleistungen, die in einer Krise als automatische Stabilisatoren fungieren, einzusparen, wäre verheerend.

Selbstverständlich gilt dies nicht nur für die USA, sondern auch für alle anderen Länder, die von der globalen Wirtschaftskrise betroffen sind.

Mittwoch, 25. August 2010

Wozu sollten die großen Banken eigentlich ihr risikoreiches Verhalten ändern?

BWL-Professor Rüdiger von Nitzsch befindet in einem Interview:

Es gibt einen breiten Vertrauensverlust in das Finanzsystem. Nach einer Studie glauben nur 25 Prozent der Anleger, dass die Finanzindustrie aus der Krise gelernt hat. Woher kommt das?

Rüdiger von Nitzsch: Was soll die Finanzindustrie nach Lehman denn gelernt haben? Dass große Banken nicht fallen gelassen, sondern so weit gestützt werden, dass das System nicht zusammenbricht. Oder hat man gelernt, dass es unterschiedliche Interessen der Industriestaaten unmöglich machen, durchgreifende Änderungen in der Finanzindustrie durchzusetzen? Warum sollten also Banken ihr Verhalten ändern? Daran haben sie überhaupt kein Interesse.


Der Rest des Interviews ist ebenfalls lesenswert.

Siehe auch: Welche Auswirkungen hatten die wirtschaftspolitischen Interventionen in den USA? Über die tatsächlichen Kosten des Moral Hazard

Dienstag, 24. August 2010

Japans wirtschaftliche Probleme

In der NYT liest man über Japans Wirtschaft:

And recent signs of a Japanese recovery now seem to be fading: The economy grew an anemic 0.1 percent between April and June. Meanwhile, a strengthening yen, which hurts Japan by making its exports less competitive, has many people calling for the bank to further ease its monetary policy to shore up the economy — if not outright government intervention in currency markets.

But on Monday, hopes for decisive action were dashed when Prime Minister Naoto Kan and the governor of the Bank of Japan, Masaaki Shirakawa, opted not to hold a widely anticipated meeting, but instead engaged in a 15-minute phone call in which the two did little more than agree to “communicate closely with each other.”

[...]

In Japan, companies remain unsure of how much to invest, because deflation makes it unclear how much they can sell — and for how much. Households have little incentive to spend, knowing goods and services will get cheaper the longer they wait.

That lack of spending, in turn, is deepening Japanese deflation, as companies are forced to decrease prices in a desperate bid to attract buyers.

An aging, dwindling population has further sapped demand. So have widely held fears over jobs, wages and pensions, which are prompting consumers to hunker down and save instead of spend.

[...]

Any opportunity for fresh stimulus spending is limited by a $10 trillion public debt that is twice the size of the Japanese economy, as well as an impasse in the country’s Parliament.

[...]

The yen tends to strengthen against other currencies despite weaknesses in the Japanese economy because the country continues to chalk up current-account and trade surpluses.


Die Notenbanken sehen sich in einer Liquiditätsfalle dramatischen Einschränkungen des geldpolitischen Handlungsspielraumes gegenüber. Das Absenken der Leitzinsen ist in Japan ebenso wie in den USA keine Option, weil diese bereits seit längerem nahe Null gehalten werden. Es bleiben unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen, etwa das Aufkaufen von langfristigen Staatsanleihen oder von problematischen Wertpapieren, welche die Bilanzen der Privatbanken belasten.

Doch auch diese unkonventionelle Geldpolitik hat in einem deflationären Umfeld, in dem der Druck auf Preise und Löhne groß ist und wo weder Konsumenten noch Unternehmen gewillt sind, ihre Ausgaben zu erhöhen und Investitionen zu tätigen, nur begrenzte Wirksamkeit. Selbst das Versprechen der Notenbanken, in Zukunft, wenn die Leitzinsen wieder angehoben werden können, mehr Geld zu drucken, vermag die ängstliche Einschätzung der wirtschaftlichen Zukunft nicht auf erwünschte Weise herumzureißen. Hat die Deflation erst einmal Fuß gefasst, ist es für die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger unheimlich schwierig, wirkungsvoll entgegenzusteuern. Wenn dann auch noch die Währung an Wert gewinnt, was die Exporttätigkeit dämpft, erhält man ein sicheres Rezept für langjährige wirtschaftliche Stagnation.

Was können die Politiker und Notenbanker in Europa und in den USA vom warnenden Beispiel Japans lernen? Meiner Meinung nach ist die Botschaft klar: Es muss alles, was in der Macht der Entscheidungsträger steht, getan werden, um das Eintreten eines deflationären Szenarios zu verhindern. Wenn dies bedeutet, dass a) über einen langen Zeitraum eine äußerst lockere Geldpolitik betrieben, und dass b) kurzfristig neue Schulden für Konjunkturprogramme aufgenommen werden müssen, dann ist das natürlich nicht gerade erfreulich.

Denn die Politik billigen Geldes zeitigt Konsequenzen: Die billig verfügbaren Mittel können falsch alloziiert werden; es kann zur Entstehung von Blasen kommen. (Die Preisblase an den Häusermärkten war nicht zuletzt ein Resultat der Niedrigzinspolitik unter Fed-Präsident Alan Greenspan). Und die Aufnahme neuer Schulden lässt sich politisch schwer verkaufen, wenn ein Land ohnehin bereits unter langfristigen Budgetproblemen leidet. Nur wenige sind der Logik zugänglich, dass es sinnvoller ist, im Hier und Jetzt das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung durch erhöhte Staatsausgaben anzukurbeln, um in Zukunft höhere Steuereinnahmen lukrieren und so die Budgetaussichten insgesamt verbessern zu können.

Die Alternative zu expansiver Geld- und Fiskalpolitik liegt darin, das Abrutschen in eine Deflationsspirale zuzulassen. Deflation ist jedoch das weitaus größere Übel. Man werfe einen Blick auf die schlimmen Erfahrungen Japans.

Wie sollen die USA gegen Chinas Währungsmanipulation vorgehen? Zwei unterschiedliche Sichtweisen

Paul Krugman schrieb vor einigen Wochen über Chinas Währungspolitik, die darauf abzielt, den Wert des Renminbi im Vergleich zum Dollar niedrig zu halten:

The effect of this currency undervaluation is twofold: it makes Chinese goods artificially cheap to foreigners, while making foreign goods artificially expensive to the Chinese. That is, it’s as if China were simultaneously subsidizing its exports and placing a protective tariff on its imports.

This policy is very damaging at a time when much of the world economy remains deeply depressed. In normal times, you could argue that Chinese purchases of U.S. bonds, while distorting trade, were at least supplying us with cheap credit — and you could argue that it wasn’t China’s fault that we used that credit to inflate a vast, destructive housing bubble. But right now we’re awash in cheap credit; what’s lacking is sufficient demand for goods and services to generate the jobs we need. And China, by running an artificial trade surplus, is aggravating that problem.


Bereits im März hatte Krugman in einer seiner Kolumnen erklärt:

To give you a sense of the problem: Widespread complaints that China was manipulating its currency — selling renminbi and buying foreign currencies, so as to keep the renminbi weak and China’s exports artificially competitive — began around 2003.To give you a sense of the problem: Widespread complaints that China was manipulating its currency — selling renminbi and buying foreign currencies, so as to keep the renminbi weak and China’s exports artificially competitive — began around 2003. At that point China was adding about $10 billion a month to its reserves, and in 2003 it ran an overall surplus on its current account — a broad measure of the trade balance — of $46 billion.

Today, China is adding more than $30 billion a month to its $2.4 trillion hoard of reserves. The International Monetary Fund expects China to have a 2010 current surplus of more than $450 billion — 10 times the 2003 figure. This is the most distortionary exchange rate policy any major nation has ever followed.

And it’s a policy that seriously damages the rest of the world. Most of the world’s large economies are stuck in a liquidity trap — deeply depressed, but unable to generate a recovery by cutting interest rates because the relevant rates are already near zero. China, by engineering an unwarranted trade surplus, is in effect imposing an anti-stimulus on these economies, which they can’t offset.


Laut Krugman müsste den chinesischen Verantwortlichen auf glaubwürdige Weise mit Handelssanktionen gedroht werden, sollte die Währungsmanipulation kein Ende nehmen. Es sei nicht genug, China höflich und zurückhaltend darauf aufmerksam zu machen, dass seine derzeitige Währungspolitik, die auf Kosten der restlichen globalen Wirtschaft geht, schlicht inakzeptabel sei. Es gelte, ein Zeichen zu setzen. Wenn dies bedeute, dass dadurch die Möglichkeit eines "Handelskrieges" heraufzieht, so müssten die USA dies nun einmal in Kauf nehmen: "I say confront the issue head on — and if it leads to trade conflict, bear in mind that in a depressed world economy, surplus countries have a lot to lose from such a conflict, while deficit countries may well end up gaining. Or to put it differently, right now we’re in a world in which mercantilism works."

Heute ist in der NYT ein Op-Ed zu lesen, in dem die Autoren Massey und Sands eine gänzlich unterschiedliche Vorgehensweise vorschlagen: Die Erfahrung der Entwicklung des Wechselkurses des japanischen Yen zum Dollar zeige, dass es nicht zwangsläufig zu einem Abbau des amerikanischen Handelsbilanzdefizits kommen muss, wenn China den Renminbi frei gegenüber dem Dollar fluktuieren ließe. Diese Schlussfolgerung wird daraus abgeleitet, dass trotz der massiven Aufwertung des Yen, welche durch Präsident Nixon Anfang der 70er-Jahre erzwungen worden war, das amerikanische Handelsbilanzdefizit in den darauf folgenden Jahren und Jahrzehnten im Zuge weiterer Aufwertungen des Yen weiter anwuchs:

Thanks to changes in the global economy, the multilateral currency agreement soon failed, and this allowed the value of the yen to continue rising. By 2006 it stood at 119 to the dollar — more than three times as expensive as in 1971 — and yet the deficit hit an all-time high of $90 billion.

What happened? Whatever effect yen revaluation might have had was outweighed by two far more potent forces: American consumers’ insatiable demand for Japanese products and Japanese producers’ ability to cut their costs and stay competitive. There is no reason to believe that things would be any different with Chinese goods today.


Anstatt einen Handelskrieg mit China zu riskieren, sollte laut Massey und Sands eine andere Strategie gewählt werden:

For one, America could substantially increase its exports, a goal embraced by the Obama administration’s National Export Initiative, which calls for doubling American exports in five years.

[...]

For maximum effectiveness, President Obama should pair his export initiative with a push for China and other countries to increase their direct investment in the United States.
Es gilt zu bedenken, dass die USA durch die Subvention von Exporten jene Handelspolitik einsetzen würden, die sie im Falle Chinas so scharf kritisieren.

Hinsichtlich des Vorschlages, dass für chinesische Unternehmen ein Anreiz geschafft werden sollte, in großem Stil in den USA zu investieren, sollte man nicht vergessen, welche Ablehnung chinesische Investitionen nach sich ziehen könnten: China wird - nicht zu Unrecht - als großer wirtschaftlicher Widersacher der USA angesehen, als ein Land, das den USA in nicht allzu ferner Zukunft den Rang als wirtschaftliche Topmacht ablaufen könnte. Dazu kommen die starken Vorbehalte gegenüber Chinas kommunistischer Politikerriege. Ob die amerikanische Bevölkerung es wohl gerne sehen würde, wenn sich Chinas Unternehmen - noch stärker als es ohnehin bereits der Fall ist - in den USA breit machten?

Montag, 23. August 2010

Was haben eigentlich die amerikanischen Hausbesitzer aus der Krise gelernt?

Völlig zu Recht sind all die Hypothekenfinanzierer, Investmentbanken und Ratingagenturen für ihren maßgeblichen, an Ignoranz kaum zu überbietenden Anteil am Debakel auf den Häusermärkten der USA gescholten worden. Jene ruchlosen Gestalten, welche arglosen Niedrigverdienern unabzahlbare Hypotheken aufschwatzten, scherten sich nicht um die Bonität der Schuldner, weil sie die Hypotheken einfach an die Investmentbanken weiterreichten, die aus einzelnen Hypotheken Bündel schnürten. Die in unterschiedlichen Pools zusammengefassten Hypothekenkredite erlangten als Finanzinstrumente Bekanntheit unter den unheilvollen Abkürzungen ABS (Asset-Backed Securities), RMBS (Residential Mortgage-Backed Securities), CDO (Collateralized Debt Obligations), und unter anderen der Umschreibung von Bündeln an faulen Krediten dienenden Akrynomen.

Eine ganze Industrie, die zu enormen Proportionen angewachsen war, hatte blind darauf vertraut, dass sich der Anstieg der Häuserpreise in der Zukunft fortsetzen würde. Die Finanzmodelle der Investmentbanken und Ratingagenturen bezogen ein Szenario, in dem es zu einem rapiden Verfall der Häuserpreise kommt, gar nicht ein. Solange die Hypotheken-Maschinerie auf vollen Touren lief - solange sich also manipulierbare Schuldner mit schlechter Bonität fanden, denen man das Geld aus der Tasche ziehen konnte -, wurden die Verzerrungen auf dem Markt vertuscht. Nur wenige erkannten, dass das Kartenhaus zum Einsturz verurteilt war, und platzierten Wetten gegen die Hypothekenindustrie (vgl. Lewis, Michael: The Big Short).

So sehr die Manipulation und Abzocke amerikanischer Konsumenten durch unhaltbare Kreditvergabe zu kritisieren ist, so notwendig ist die Feststellung, dass ein allzu großer Teil der amerikanischen Bevölkerung bereitwillig bei diesem abgekarteten Spiel mitwirkte. Die Medianeinkommen stagnierten, und so waren Subprime-Kredite eine willkommene Gelegenheit, den eigenen Lebensstil über - nur scheinbar günstige - Kreditfinanzierung aufrechtzuerhalten. Und wer wollte nicht lieber in einem größeren, schöneren Haus in einer besseren Wohngegend leben? Die Kreditnehmer ignorierten jegliche Regung von ökonomischem Hausverstand, die sich ihnen in den Weg gestellt haben mag, und verschuldeten sich Hals über Kopf.

Nicht wenige nützten das Überangebot an Hypothekenfinanzierung zur halsbrecherischen Spekulation: Sie finanzierten immer mehr Häuser auf Pump, um Spekulationsgewinne einzustreichen. So lange die Preise stiegen, würden die Wertsteigerungen einen todsicheren Gewinn bedeuten. Obzwar alle Anzeichen seit längerem auf Überhitzung standen, wurde selbst im Jahr 2006 immer noch die Strategie verfolgt, so viele Häuser wie möglich mit fremdem Geld zu finanzieren, in denen man natürlich nicht wohnen, mit deren Wertsteigerung man aber ein Vermögen anhäufen wollte. Die Möglichkeit fallender oder zumindest stagnierender Häuserpreise? Papperlapapp. Spielverderber. Unheilspropheten. Dummschwätzer.

Eigentlich müsste man meinen, die Menschen hätten aus den dramatischen Erfahrungen der geplatzten Subprime-Blase gelernt. Es würde sich z.B. die Lehre anbieten, dass man keine Produkte kaufen sollte, die man nicht ansatzweise versteht; oder dass man nicht darauf setzen sollte, dass es in der Wirtschaft so etwas wie "Naturgesetze" (Das Gesetz: Häuserpreise müssen immer weiter steigen) gibt. Zumindest vorübergehend sollte doch ein bisschen gesunde Skepsis eingekehrt sein, oder? Sollte man meinen. Die Realität ist anders:

In an annual survey conducted by the economists Robert J. Shiller and Karl E. Case, hundreds of new owners in four communities — Alameda County near San Francisco, Boston, Orange County south of Los Angeles, and Milwaukee — once again said they believed prices would rise about 10 percent a year for the next decade.

With minor swings in sentiment, the latest results reflect what new buyers always seem to feel. At the boom’s peak in 2005, they said prices would go up. When the market was sliding in 2008, they still said prices would go up.

“People think it’s a law of nature,” said Mr. Shiller, who teaches at Yale.


Die nächste Krise, welche aus einer Blase des übermäßigen Optimismus erwächst, ist nur eine Frage der Zeit. Sie wird nicht notwendigerweise auf den Häusermärkten ihren Ursprung nehmen.

Aber dass sie kommt, ist eine Gewissheit. Diese Gewissheit ist in der Natur des Menschen begründet: Die menschliche Fähigkeit, aus Erfahrungen (anderer) zu lernen, ist begrenzt. Das Erlernte schwindet im Laufe der Zeit aus dem Bewusstsein. Und der Glaube, dass das, was für andere gilt, auf einen selbst nicht zutrifft - man ist ja "besonders" bzw. "speziell" -, ist unerschütterlich.

Sonntag, 22. August 2010

Griechenlands Leiden. Ein Sparprogramm als Zwangsjacke

Das WSJ berichtet:

Greece's deepening recession is driving joblessness steadily higher, feeding discontent with the government's austerity program and dragging on the broader economy.

Greece's gross domestic product contracted by 3.5% in the second quarter from a year earlier, hitting retailers hard and sending unemployment rates to above 12% of the work force, according to data released last week.

Forecasts vary on how bad unemployment could get. The International Monetary Fund predicts the jobless rate will reach 14.8% by 2012. But some labor experts fear that before long, one in five Greek workers could be without jobs.


Die griechische Regierung sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt. Der harte Sparkurs führt dazu, dass die Wirtschaft nicht den Wachstumsgang einzulegen vermag. Wieder einmal bewahrheitet sich die Lehre, dass wirtschaftliche Depression die Folge ist, wenn ein Staat sich nicht dazu in der Lage sieht, stimulierende Ausgabenerhöhungen durchzusetzen, wenn sich die Wirtschaft im Abschwung befindet. Der griechische Staat hat jahrelang über seinen Verhältnissen gelebt; der Spielraum für antizyklische Wirtschaftspolitik ist mit der Abhängigkeit von ausländischen Hilfsgeldgebern endgültig verpufft.

Je mehr Griechen ihren Job verlieren, desto geringer ist die Kaufkraft - und desto größer wiederum die Abhängigkeit von staatlichen Zuwendungen. Je mehr der Staat und (potentielle) Konsumenten ihre Ausgaben zurückschrauben, um erst einmal den angehäuften Schuldenberg abzutragen, umso rascher erlahmt der wirtschaftliche Motor von Konsum und Investitionen. Es handelt sich um eine klassische Abwärtsspirale. Dass die öffentlich Bediensteten teilweise verbissen um den Erhalt ihrer Privilegien kämpfen, erschwert die Situation.

Griechenland sitzt in der Euro-Fall: Aufgrund der gemeinsamen Währung ist eine Währungsabwertung, welche eine Verbilligung griechischer Exporte und somit einen möglichen Wachstumsimpuls bedeuten würde, keine Option. Die EU beging den dramatischen Fehler, Griechenland übereilt als Euro-Mitglied aufzunehmen. Die Einhaltung der Konvergenzkriterien konnte nicht bewerkstelligt werden; die Manipulation der öffentlichen Haushaltszahlen täuschte vorübergehend über die realen Schuldenprobleme des Landes hinweg. Griechenlands Bevölkerung muss nunmehr die Rechnung für die katastrophale Vorgehensweise der verantwortlichen Politiker zahlen. Und die Steuerzahler im Rest des EU-Raumes zahlen die Zeche, indem Milliarden ihrer Steuergelder in überbrückende Hilfsleistungen für den angeschlagenen Mitgliedsstaat fließen.

Griechenland hat sich verpflichet, die Auflagen zu erfüllen, welche vom IWF und der EU als Gegenleistung für die zugesprochenen Hilfsgelder vorgegeben werden. Diese Auflagen erweisen sich als wirtschaftliche Zwangsjacke.

Und trotz aller Sparmaßnahmen und internationalen Hilfsleistungen steigen die Zinsspreads auf griechische Staatsanleihen neuerlich an.

Freitag, 20. August 2010

Auf der Suche nach vermeintlich sicheren Häfen. Investieren und Spekulieren in Zeiten großer wirtschaftlicher Unsicherheiten

Bei der Federal Reserve werden die Wachstumsaussichten der amerikanischen Wirtschaft pessimistischer eingeschätzt als noch vor einigen Wochen; darauf lassen die jüngsten Warnungen vor einer deflationären Entwicklung schließen. Die jüngst veröffentlichen Zahlen zum amerikanischen Arbeitsmarkt bestärken die Erwartung, dass der amerikanischen Wirtschaft eine in Sachen Wirtschaftswachstum enttäuschende Zeit mit schwelenden Problemen auf dem Arbeitsmarkt bevorsteht.

In Europa feiert Deutschland gerade seine wirtschaftliche Auferstehung. Österreich profitiert von der wirtschaftlichen Erholung in Deutschland. Davon abgesehen sind die wirtschaftlichen Probleme im EU-Raum evident: Griechenland. Irland. Spanien. Portugal. Italien. Frankreich. Die Liste der Problemfälle in Sachen Staatsverschuldung und langsames Wirtschaftswachstum ist so lang wie Merlins Bart.

Kein Wunder also, dass die Investoren angesichts all dieser nicht gerade rosig anmutenden Aussichten nach vermeintlich sicheren Häfen für Investitionen suchen: Die Zinssätze auf deutsche Bundesanleihen sind ebenso stark gesunken wie jene auf US-Bonds. Dies ist ein Resultat der erhöhten Nachfrage nach verhältnismäßig sicheren Staatsanleihen.

In einem Umfeld, in dem man sich nicht sicher ist, welches Unternehmen und welcher Staat noch pleite gehen wird, setzen viele Investoren auf Investitionen, deren Ausfallswahrscheinlichkeit am geringsten einzuschätzen ist.

Und sie kaufen risikoarme Bonds, weil durch die lockere Geldpolitik während der Krisenzeit sehr viel billiges Geld zur Spekulation zur Verfügung steht.

Donnerstag, 19. August 2010

Niedrige Sparzinsen, günstige Konsumkredite. Und was ist mit den Zinsen auf Unternehmenskredite?

"Die Presse" berichtet:

Konsumieren auf Pump ist in Österreich derzeit interessanter als Sparen

[...]

Wer seinen Spargroschen auf ein bis zwei Jahre bindet, bekommt laut OeNB derzeit im Schnitt 1,38 Prozent Zinsen.

[...]

Sparbücher sind zum Kapitalaufbau, ja selbst zum Kapitalerhalt derzeit also gänzlich ungeeignet: Bei einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent bedeutet selbst die Durchschnittsverzinsung für langfristig gebundene Einlagen nach KESt einen realen Kapitalverlust.

[...]

Freuen dürfen sich über die niedrigen Zinsen dafür die Kreditnehmer: Die Verzinsung von Konsumkrediten sank im zweiten Quartal um 0,21 Prozentpunkte auf 4,53 Prozent, jene für Wohnbaukredite um 0,12 Prozentpunkte auf 2,67 Prozent. Im Euroraum-Schnitt lagen die betreffenden Sätze bei 6,38 beziehungsweise 3,30 Prozent.

[...]

Wenig profitiert haben von der Entwicklung die Unternehmen: Die Verzinsung von Unternehmenskrediten blieb mit 2,38 Prozent (bis eine Mio. Euro) beziehungsweise 1,79 Prozent (über eine Mio. Euro) praktisch unverändert.


Ende Juli schrieb ich darüber, dass die Richtlinien zur Kreditvergabe an Großunternehmen mittlerweile entschärft wurden. Der oben zitierte Artikel weist darauf hin, dass die Zinsen für Unternehmenskredite jedoch mit der Zinsentwicklung für Konsumkredite nicht Schritt gehalten haben.

Die Banken sind mit der Aufgabe konfrontiert, vernünftige Bonitätskriterien für Unternehmen festzulegen. Es soll - erstens - nicht neuerlich zu einer Wiederholung der in Vorkrisenzeiten anzutreffenden, betriebswirtschaftlich haltlosen Kreditvergabe kommen; zweitens gilt es, die befürchtete neuerliche Welle an Unternehmensinsolvenzen im Zuge der wirtschaftlichen Erholung zu verhindern; und drittens sollen sinnvolle Zukunftsinvestitionen durch Unternehmen stattfinden können.

Mittwoch, 18. August 2010

Hast du Leichen im Keller? Über "schlummernde" Bankenskandale

Ein Mensch, dessen Meinung ich sehr schätze, machte gestern in einer Mail anlässlich des Hypo-Skandals folgende Anermerkung über Österreichs Bankenlandschaft:

Und was mich wirklich erschreckt ist, dass es sich bei den genannten Herrschaften ja nicht um prominente Einzelpersonen handelt, sondern vielmehr um ein dahinter liegendes System von vielen Mittätern und auch Mitwissern!

Absolut erschütternd welches Bild Österreich hier abgibt und wie stark die gesamte Bankenlandschaft dieses Landes bezüglich "Vertrauen" erschüttert wird.

Wenn ich mir überlege, dass es in diesem Land ja noch einige Banken gibt, die im Staats- bzw. Landes- oder Gemeindebesitz sind!! Gar nicht auszudenken, was hier noch alles "schlummert".....


Natürlich ist es beileibe nicht so, dass alle Banker Gauner oder Kriminelle wären. Aber überall dort, wo Wirtschaft und Politik stark verwoben sind, besteht die massive Gefahr von Absprachen, Packeleien und Korruption. Vereinzelt können macht- und geldhungrige Menschen in verantwortlichen Positionen der Versuchung, sich selbst durch unlautere und kriminelle Methoden zu bereichern, nicht widerstehen; je lascher die staatliche Kontrolle, umso häufiger die Verstöße. Wenn es nicht gelingt, eine effektive Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität durchzusetzen, kommt es zur systematschen Umgehung und Verletzung von Gesetzen.

Die Fälle von Hypo Alpe Adria und Bawag zeigen, dass man in den letzten Jahren in Österreich mit Sicherheit nicht von einer erfolgreichen Bankenaufsicht sprechen kann. Äußerst problematische Interessensverstrickungen zwischen Politik und Finanzsektor haben zu betriebswirtschaftlich katastrophalen Geschäftsentscheidungen geführt, welche nicht nur die Aktionäre, sondern auch die Steuerzahler teuer zu stehen kamen.

Angesichts dieser Netzwerkkultur, die auf den Gewinn politischer Gunst, Macht und individuelle finanzielle Bereicherung abzielt, wäre es einigermaßen verwunderlich, wenn nicht auch andere Finanzinstiutionen noch unentdeckte Leichen im Keller hätten.

Hoffentlich handelt es sich nur um vereinzelte Leichen, nicht um Leichenberge wie bei der Hypo Alpe Adria. Aber wetten würde ich darauf nicht.

Dienstag, 17. August 2010

Die Außenwirkung könnte besser sein. Der Hypo-Skandal und Österreichs Justiz

In Österreich ist gerade wieder der Bankenskandal um die Hypo Alpe Adria in aller Munde, nachdem deren ehemaliger Vorstandsvorsitzender Wolfgang Kulterer verhaftet und in U-Haft verbracht worden ist.

Sagen wir so: Das Bild, welches die österreichische Justiz in den letzten Jahren nach außen vermittelt hat, wenn es um die Aufdeckung von Wirtschaftskriminalität sowie von mit Korruptions- und Untreueverdacht behafteten Verstrickungen zwischen Wirtschaft und Politik ging, ist verbesserungswürdig:

Der große Unterschied bei der U-Haft für Golfspieler Helmut Elsner und Polospieler Wolfgang Kulterer ist der Zeitfaktor: Der Ex-Bawag-Chef sitzt seit dreieinhalb Jahren hinter Gittern, sein Prozess ist zumindest in erster Instanz längst gelaufen, das Urteil aber noch lange nicht rechtskräftig, es gibt nichts mehr zu vertuschen oder abzusprechen, und eine Flucht würde der herz- und nierenkranke 75-Jährige kaum überleben.

Da würde man schon eher einem Julius Meinl V. zutrauen, sich angesichts von Milliardenklagen und strafrechtlicher Verfolgung abzusetzen. Aber er, der auch die britische Staatsbürgerschaft besitzt, darf nach kurzer U-Haft mit seinen Pässen schon wieder reisen.

Und Karl-Heinz Grasser? Ihn hat die Justiz bis jetzt zu der Flut von Vorwürfen und Verdachtsmomenten nicht einmal noch zu einem Gespräch eingeladen.


Grasser. Elsner. Meinl. Kulterer. Grasser. Grasser. Grasser. Ganz schön viele vermutliche große Übeltäter für ein so kleines Land. Andererseits: Wo allzu viele Menschen nichts dabei finden, "kleinere" Gefälligkeiten anzunehmen, um sich so einen persönlichen Vorteil zu verschaffen, und wo das Motto "Die eine Hand wäscht die andere" Handlungsmaxime ist, vermag es kaum zu verwundern, wenn es schließlich auch zu Fällen klarer Grenzüberschreitungen kommt. Irgendwer übertreibt es immer; Schwächen des Systems werden früher oder später exzessiv ausgenützt. Das Hauptproblem ist die österreichische Kultur des Gebens, Nehmens und Bereicherns auf Kosten von Aktionären und Steuerzahlern. Die Kulminierung in den Causen Elsner und Kulterer demonstriert dies vorzüglich.

Irlands Banken. Über die staatliche Aufrechterhaltung insolventer Finanzinstiutionen

Irlands Bankensystem ist schwer angeschlagen; es wird fortwährend mit staatlichen Bailouts am Leben gehalten. Zu welchen Konsequenzen dies im irischen Wirtschaftsleben führt, schildert P. O'Neill:

The big picture is that the Irish debt crisis has put the banks into lines of business that they never planned to be in. With the result that significant sectors of the Irish domestic economy are now being run by them. But there is a strange flip side to this situation. There is exactly one sector of the economy that the government has declared off-limits from the process of debt distress, restructuring, and external management — the banking sector. And so it is that unlimited public funds are available to keep solvent what would otherwise be insolvent banks, the €24 billion or so directed to Anglo Irish Bank being the epitome of this problem." [...]

Why did the government’s favourite bedtime scary monster, “the markets”, react so badly to the European Commission approving the €24 billion for Anglo, a figure that has been known in general terms for months and was, within a couple of billion, confirmed by the Minister of Finance to the Dail a few months ago? Was it the first time that the headline number crossed the Reuters screen, or was it the government’s inability to say that it’s this €24 billion and not another eurocent more into a dead bank? [...]

The banks haven’t yet made a big move on distressed home mortgages and no one is clear what will happen when forebearance is no longer a viable strategy.


via Paul Krugman

Sonntag, 15. August 2010

Das Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal. Die prozentuale Veränderung des BIP in Europa und den USA

Eurostat berichtet:

Im Vergleich zum entsprechenden Quartal des Vorjahres ist das saisonbereinigte BIP im zweiten Quartal 2010 sowohl im Euroraum als auch in der EU27 um 1,7% gestiegen, nach +0,6% bzw. +0,5% im Vorquartal.

Im Verlauf des zweiten Quartal 2010 nahm das BIP der Vereinigten Staaten um 0,6% gegenüber dem Vorquartal zu, nach +0,9% im ersten Quartal 2010. Im Vergleich zum Vorjahresquartal stieg das BIP der Vereinigten Staaten um 3,2% (+2,4% im Vorquartal).


Der zitierten Schätzung zufolge betrug das BIP-Wachstum in Österreich im zweiten Quartal 2,0%. Die genannten Zahlen beruhen jeweils auf einem Vergleich mit dem gleichen Quartal des Vorjahres.

Zudem erzielten die Volkswirtschaften des Euroraumes im Juni einen Handelsbilanzüberschuss von 2,4 Milliarden Euro. Die Industrieproduktion blieb stabil.

Samstag, 14. August 2010

Jeder vierte Österreicher ist gegen den Kapitalismus. Wer macht sich eigentlich Gedanken über die Bedeutung solcher Bekenntnisse?

Im Rahmen einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes IMAS wurden 1021 Österreicher "nach ihrer Einstellung zu teilweise brisanten Problemen" befragt. Die Umfrage trägt den Titel "Politische Bekenntnisse".

Ich finde es immer wieder interessant, solche Umfragen zu lesen. Man bekommt ein besseres Gespür dafür, welche Ansichten in der Bevölkerung vertreten sind. Natürlich sollte man stets die Einschränkungen und Probleme solcher Umfragen bedenken; z.B. die Bedeutung der Art der Fragestellung, oder die Schwierigkeit, eine "Ja-Nein" Antwort auf komplexe Fragestellungen, die nach einer differenzierten Betrachtungsweise verlangen würden, zu geben. Wenn man diese Problemsensibilität voraussetzt, kann die Lektüre solcher Umfragen fallweise erhellend, erheiternd, ernüchternd, erschütternd, ... ausfallen.

Eines der Umfrageergebnisse möchte ich herausgreifen. Die Meinungsforscher interpretieren die Tatsache, dass "nur" 24 Prozent der Umfrageteilnehmer die Frage bejahten, ob der Kapitalismus "abgeschafft und durch ein ganz neues System
ersetzt werden [sollte]", als überwältigende Affirmation des kapitalistischen Systems:

Fest steht indes, dass die Erwartung einer höheren Beitragsleistung von extrem
wohlhabenden Menschen nicht auf neomarxistischen Überlegungen und dem
Wunsch, die Gesellschaft sozial einzuebnen, beruht. Die demoskopischen Gegenbeweise
sind eindeutig.
- 41 Prozent der Österreicher sind überzeugt: „Die freie Marktwirtschaft ist
trotz allem das beste System“;
- nur 24 Prozent sagen: „Der Kapitalismus sollte abgeschafft und durch ein
ganz neues System ersetzt werden“;
- gar nur 21 Prozent meinen, es wäre am besten, wenn alle ein möglichst
gleich hohes Einkommen hätten.


Mir ist - zurückhaltend formuliert - nicht ganz wohl bei der Vorstellung, dass jeder vierte Österreicher die Abschaffung des Kapitalismus begrüßen würde.

Der demokratische, freiheitliche Rechtsstaat ist ebensowenig ohne Schwächen wie die marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung. Einiges ließe sich verbessern, oft scheitert es am politischen Willen. Auch in Zeiten der schlimmsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten sollte man sich jedoch immer wieder die großartigen Erfolge der kapitalistischen Produktionsweise - Wohlstand für immer mehr Menschen, Rückgang von Armut etc. - vor Augen führen.

Die logische Konsequenz der Einführung eines ganz neuen Systems kann für mich nur in einem neuerlichen Versuch einer "sozialistischen Gesellschaft" liegen. Wenn ich mir vorstelle, worin all die sozialistischen Projekte in der Geschichte der Menschheit mündeten - wirtschaftlicher Niedergang, Unterdrückung von Minderheiten, Einschränkung individueller Freiheitsrechte, politische Willkür, Verfolgung politischer Gegner etc. - stellen sich mir sämtliche Nackenhaare auf.

Die Unfähigkeit des Sozialismus, für wirtschaftlichen Wohlstand und politische Freiheit des Individuums Sorge zu tragen, ist historisch dokumentiert. Ich kann nur inständig hoffen, dass nicht jeder vierte Österreicher dem Weg in ein neuerliches sozialistisches Fiasko Unterstützung gewährt. Die Annahme, diesmal werde alles anders kommen, weil sich die Vorzüge des Sozialismus entfalten - kein "unmenschlicher Wettbewerb" mehr, Aufhebung gesellschaftlicher Ungerechtigkeiten etc. -, während die bereits erwähnten Unmenschlichkeiten aufgrund des Lerneffekts aus vergangenen Erfahrungen nicht zur Entfaltung kommen werden, hält der Faktenlage nicht stand.

Hoffentlich ist es einfach nur Enttäuschung und Gedankenlosigkeit, die aus der Bejahung der Frage nach einer Ersetzung des Kapitalismus durch ein anderes System spricht.

Freitag, 13. August 2010

Europäischer Konjunkturmotor, europäische Sorgenkinder

So erfreulich die jüngsten Konjunkturdaten für die deutsche Wirtschaft sind, so unerfreulich stellt sich die Lage für die Sorgenkinder Europas dar: Griechenlands Rezession verschlimmert sich; die Arbeitslosigkeit beträgt bereits 12%. Die Haushalte von Spaniens Provinzen sind auf die Zerreißprobe gestellt. Und in Irland, wo bereits umfangreiche Bankenhilfspakete geschnürt wurden, benötigen einige Banken neuerlich staatliche Hilfsgelder.

via Calculated Risk

Donnerstag, 12. August 2010

Jubel in Deutschland, ausgehende Lichter in den USA

Während es sich einige Politiker in Deutschland nicht nehmen lassen, anlässlich der erfreulichen Entwicklung wesentlicher volkswirtschaftlicher Indikatoren (siehe den jüngsten Arbeitsmarktbericht und die verbesserte Auftragslage) Jubelmeldungen über ein „neues deutsches Wirtschaftswunder“ zu verbreiten, geben die momentanen wirtschaftlichen Aussichten in den USA weniger Spielraum zur politischen Selbstbeweihräucherung. Paul Krugman meint, in den Bundesstaaten und Kommunen gingen gerade im wahrsten Sinne des Wortes die Lichter aus:

The lights are going out all over America — literally. Colorado Springs has made headlines with its desperate attempt to save money by turning off a third of its streetlights, but similar things are either happening or being contemplated across the nation, from Philadelphia to Fresno.

Meanwhile, a country that once amazed the world with its visionary investments in transportation, from the Erie Canal to the Interstate Highway System, is now in the process of unpaving itself: in a number of states, local governments are breaking up roads they can no longer afford to maintain, and returning them to gravel.

Dienstag, 10. August 2010

Inflation oder Deflation? Über die Schwierigkeiten geldpolitischer Entscheidungen

Die wirtschaftliche Erholung geht nicht so rasch vor sich, wie man sich das wünschen würde. Sowohl in den USA als auch in Europa ist die Situation auf den Arbeitsmärkten weiterhin äußerst angespannt; die Wachstumsaussichten sind ernüchternd. Immer wieder wird auf das abschreckende Beispiel Japans, das in den 1990er-Jahren mit äußerst langsamem Wirtschaftswachstum und fortwährendem deflationärem Druck zu kämpfen hatte, hingewiesen. Das Eintreten eines solchen Szenarios müsse unter allen Umständen verhindert werden, beteuern die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger.

Aufgrund der anhaltend niedrigen Leitzinsen und der unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken machen sich einige Experten gleichzeitig über Inflation sorgen. Die Warnung lautet: Wer derartig viel billiges Geld in die Wirtschaft pumpt, wird in absehbarer Zeit die Rechnung in Form einer stark erhöhten Inflationsrate präsentiert bekommen. Außerdem schafft die derzeitige Geldpolitik bereits die Voraussetzungen für die nächste Krise: Wo billiges Geld zur Spekulation einlädt, entstehen über kurz oder lang Spekulationsblasen. Und was das Platzen solcher Blasen auslösen kann, hat zuletzt die Subprime-Krise in den USA aufgezeigt.

Die Zentralbanken müssen ihre geldpolitischen Entscheidungen vor dem Hintergrund, dass viele Wirtschaftsexperten hinsichtlich ihrer Deflations- und Inflationssorgen unterschiedlicher Meinung sind, treffen. Ein Artikel in der NYT weist darauf hin, dass sich die Federal Reserve momentan stärker der Bekämpfung der Deflationssorgen verpflichtet sieht:

A string of developments, including the weak jobs report last Friday, has altered the sentiment within the central bank, leading Fed policy makers to stop worrying for the moment about the increasingly remote prospect of inflation. Instead, they are increasingly focused on the potential for the economy to slip into a deflationary spiral of declining demand, prices and wages.